Im Ausland gerettet - und am Ende doch im deutschen Tierheim?
veröffentlicht am in Aufklären
Hunde aus dem Ausland: Eine Adoption braucht mehr als ein gutes Herz
Einem Hund aus dem Ausland ein neues und besseres Leben zu ermöglichen, ist ein verständlicher Wunsch. Meist steht dahinter echte Tierliebe und der Wunsch, einem Tier zu helfen, das es bisher nicht leicht hatte.
Ein Foto, ein trauriger Blick oder eine bewegende Geschichte können schnell das Gefühl auslösen: Dieses Tier möchte ich retten.
Doch genau hier sollte die Entscheidung nicht enden – sondern beginnen.
Denn ein Hund ist mehr als ein Foto und mehr als seine Geschichte. Er ist ein Lebewesen mit einer eigenen Vorgeschichte, einem individuellen Wesen und möglicherweise Erfahrungen, Ängsten oder gesundheitlichen Problemen, die vor der Vermittlung nur eingeschränkt beurteilt werden können.
Erst prüfen, dann entscheiden
Wer einen Hund aus dem Ausland aufnehmen möchte, sollte sich die vermittelnde Organisation genau ansehen.
Woher kommen die Tiere? Wie transparent arbeitet die Organisation? Wie werden die Hunde vor der Vermittlung medizinisch untersucht? Was ist über ihre Vorgeschichte bekannt? Wie werden Verhalten, Verträglichkeit und mögliche Ängste eingeschätzt?
Und eine besonders wichtige Frage: Was passiert, wenn die Vermittlung nicht funktioniert?
Eine seriöse Organisation sollte solche Fragen offen beantworten können und auch nach der Vermittlung Ansprechpartner bleiben.
Denn für einen Hund bedeutet der Weg nach Deutschland eine erhebliche Veränderung. Transport und Reise sind belastend. Danach warten ein neues Zuhause, unbekannte Menschen, neue Geräusche und Gerüche und ein völlig anderer Alltag.
Manche Hunde brauchen lange, um anzukommen. Und ihr Verhalten kann sich mit zunehmender Sicherheit verändern. Ein zunächst sehr zurückhaltender Hund kann selbstbewusster werden, Ängste können erst nach einiger Zeit sichtbar werden. Auch die Verträglichkeit mit Menschen oder anderen Tieren lässt sich nicht immer zuverlässig aus einer kurzen Begegnung oder dem Verhalten in einer größeren Hundegruppe ableiten.
Hinzu kommen mögliche Erkrankungen oder gesundheitliche Probleme, die bei der Einreise noch nicht erkennbar sind. Eine sorgfältige tierärztliche Untersuchung, ein transparenter Umgang mit bekannten Erkrankungen und eine realistische Einschätzung des Hundes gehören deshalb zu einer verantwortungsvollen Vermittlung.
Mitleid allein ist keine Grundlage
Natürlich darf ein Hund berühren. Und natürlich ist es schön, wenn aus dem Wunsch zu helfen ein dauerhaftes Zuhause entsteht.
Doch Mitleid allein sollte niemals die Grundlage für eine so weitreichende Entscheidung sein.
Die Frage lautet nicht nur: „Kann ich diesem Hund helfen?“
Sondern genauso: „Kann ich diesem Hund dauerhaft gerecht werden?“
Passt sein Wesen zu meinem Alltag? Kann ich mit möglichen Ängsten oder Unsicherheiten umgehen? Gibt es Kinder oder andere Tiere im Haushalt? Habe ich ausreichend Zeit für die Eingewöhnung, für Training und – wenn nötig – für professionelle Unterstützung?
Auch die finanziellen Möglichkeiten gehören zu einer solchen Entscheidung. Ein Tier verursacht nicht nur bei seiner Anschaffung oder Vermittlung Kosten. Futter, Ausstattung, regelmäßige tierärztliche Untersuchungen, Impfungen und gegebenenfalls Medikamente gehören ebenso dazu wie unerwartete Erkrankungen, Verletzungen oder notwendige Behandlungen. Gerade im Alter können die Kosten für die medizinische Versorgung deutlich steigen.
Wer ein Tier aufnimmt, übernimmt auch die finanzielle Verantwortung für sein gesamtes Leben.
Ein Hund begleitet seine Menschen im besten Fall viele Jahre. Deshalb sollte seine Aufnahme gut überlegt sein und nicht aus einem spontanen Impuls heraus erfolgen.
Und wenn es nicht funktioniert?
Auch die beste Vorbereitung kann nicht garantieren, dass Hund und Mensch dauerhaft zusammenpassen.
Deshalb sollte bereits vor der Adoption geklärt sein, was passiert, wenn das Zusammenleben nicht funktioniert.
Eine verantwortungsvolle Vermittlungsorganisation sollte auch dann Verantwortung für ein von ihr vermitteltes Tier übernehmen und gemeinsam mit den Halterinnen und Haltern nach einer geeigneten Lösung suchen. Dazu kann – je nach Vereinbarung und Situation – auch die Rücknahme des Hundes gehören.
Bei einer verantwortungsvollen Tiervermittlung sollte ein Tier nicht einfach seinem Schicksal überlassen werden, wenn seine Haltung nicht mehr möglich ist.
Deutsche Tierheime sind allerdings keine allgemeine Rückgabestelle für Vermittlungen, die andere Organisationen durchgeführt haben.
Trotzdem kommen immer wieder Hunde aus dem Ausland in deutsche Tierheime – auch zu TERRA MATER e.V.
Dann übernehmen wir die Verantwortung für ein Tier, das eigentlich bereits ein Zuhause haben sollte. Für den Hund bedeutet das einen weiteren Verlust und einen erneuten Neuanfang. Für unsere Tierheime bedeutet es zusätzliche Arbeit und Verantwortung bei ohnehin begrenzten Kapazitäten.
Deshalb: Schauen Sie genau hin
Wir möchten niemandem die Freude an einem Hund aus dem Ausland nehmen. Viele dieser Tiere finden in Deutschland ein gutes Zuhause und werden zu wunderbaren Begleitern.
Aber eine Adoption sollte niemals allein aufgrund eines Fotos, eines Videos oder einer emotionalen Geschichte erfolgen.
Prüfen Sie die Organisation. Fragen Sie nach. Lassen Sie sich auch über mögliche Schwierigkeiten ehrlich informieren. Klären Sie, wie die medizinische Versorgung, die Eingewöhnung und die Nachbetreuung aussehen – und vor allem, was passiert, wenn die Vermittlung nicht funktioniert.
Und überlegen Sie ehrlich, ob ein Hund aus dem Ausland wirklich zu Ihnen und Ihrem Alltag passt.
Vielleicht wartet ein passender Hund auch bereits in einem Tierheim in Ihrer Nähe.
Denn Tierschutz bedeutet nicht, ein Tier möglichst schnell nach Deutschland zu bringen.
Tierschutz bedeutet, Verantwortung für das gesamte Leben eines Tieres zu übernehmen.
Jedes Tier verdient eine zweite Chance. Aber diese Chance sollte auch eine echte und dauerhafte Perspektive sein.